Landesarbeitskreis Shalom in und bei der Linksjugend [’solid] Brandenburg

Bericht und Mitschnitt des Vortrags von Olaf Kistenmacher zur Kritik des Antiimperialismus

Am 06. Dezember fand im Berliner Karl-Liebknecht-Haus eine Einführung in die Kritik des Antiimperialismus durch den Historiker Olaf Kistenmacher statt. Anfangs stellte er die Ausarbeitung Rosa Luxemburgs vor, die Imperialismus als Folgeerscheinung des Kapitalismus betrachtete, da dieser für seine Fortexistenz nicht nur ständig nach weiteren Absatzmärkten strebe, sondern auch die kapitalistische Vergesellschaftung in alle Teile der Welt trage. Für Luxemburg hatte die soziale Befreiung aus dem Kapitalverhältnis grundsätzlich unabhängig von einer Nation zu geschehen. Problematischerweise änderte sich diese Auffassung jedoch im Verlaufe der Geschichte linker Bewegungen und Parteien bald.

Hierbei ist festzuhalten: Obwohl Imperialismus dem Kapitalismus immanent ist, ist der Rückschluss falsch, Antiimperialismus sei zugleich auch Antikapitalismus. An dieser Stelle wird nämlich verkannt, dass sich zwei imperialistische Mächte bekämpfen können ohne dabei antikapitalistisch zu sein oder dass imperialistischer Expansionsdrang nicht nur kapitalistisch, sondern auch ideologisch motiviert sein kann, wie das Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands deutlich macht.

Seit den 1920er Jahren wurde kapitalistische Vergesellschaftung und Imperialismus innerhalb der Linken zunehmend moralisierend gewertet. So wurde der Finanzkapitalismus nicht als ein Teil kapitalistischer Verwertung verstanden, sondern als zentrale Ursache sozialer Verelendung. Dies verkennt jedoch, dass auch ohne ausgeprägten Finanzkapitalismus erstes Primat jeder unternehmerischen Tätigkeit die Profitmaximierung ist. Es gibt demzufolge kein „gutes Unternehmertum“, sondern immer nur profitmaximierendes Wirtschaften.

Diese Moralisierung war nicht nur eine Abkehr von der ursprünglichen Kritik am Kapitalismus, wie sie noch Marx und Luxemburg formulierten. Darüber hinaus entwickelte die Linke in zunehmendem Maße die Vorstellung, für kapitalistische Ausbeutung könne eine gewisse Menschengruppe mit einer bestimmten geographischen Herkunft verantwortlich gemacht werden, anstatt die abstrakt-unpersönliche und globalisierte Wirkungsweise des Kapitalismus unabhängig von einer bestimmten Nation zu verstehen. So waren für die Weimarer KPD Großbritannien und die USA Zentren des „parasitären Kapitalismus“, von dem sich dieser „imperialistisch“ ausbreitete.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt ersetzte die Linke die soziale durch die nationale Befreiung, obwohl Luxemburg zuvor deutlich gemacht hatte, dass die Befreiung von Fremdherrschaft durch eine andere Nation rein gar nichts mit der Befreiung von kapitalistischer Vergesellschaftung zu tun habe. Stattdessen wurde der Nationalismus der unterdrückten Völker affirmiert und dabei die antagonistischen Klassenverhältnisse innerhalb der Staaten der sogenannten Dritten Welt und der Kolonien ignoriert. Außerdem verkennt die Bejahung eines Befreiungsnationalismus die Tatsache, dass nationale Befreiungsbewegungen gegen imperialistische Zentren stets maßgeblich von der herrschenden Klasse in den jeweiligen Kolonien geprägt, also auch hier nicht frei von kapitalistischen Motiven waren.

Abschließend verdeutlichte Kistenmacher am Beispiel der Position der KPD der Weimarer Republik zur Palästinafrage, dass darüber hinaus kapitalistische Klassengegensätze fälschlicherweise zunehmend ethnifiziert wurden. So verstand die KPD die Araber im britischen Mandatsgebiet Palästina als die Unterdrückten und die Juden als die Unterdrücker – ohne auf die innerhalb der beiden Gruppen existierenden Klassengegensätze Rücksicht zu nehmen. Darüber hinaus wurde die aus antiimperialistischen Motiven hergeleitete Ablehnung des Zionismus antisemitisch untermauert: So sah die KPD ihre Schwesterpartei in Palästina von Zionisten unterwandert, obwohl die jüdischen Mitglieder der palästinensischen KP keinesfalls die Gründung eines jüdischen Staates forderten. Eine solche Erkenntnis hätte jedoch dem ideologischen Weltbild entgegen gestanden, in dem die Araber Palästinas das revolutionäre Subjekt sein sollten.

Diese Punkte, so Kistenmacher, verdeutlichen die Schwäche des Antiimperialismus: Sein Problem ist nicht, dass er eine berechtigte Kritik am Imperialismus übt, sondern dass sein Konzept suggeriert, dass Imperialismus an einem Punkt habhaft gemacht werden und an einem Ort bekämpft werden könne. Dies wird vor allem dann sichtbar, wenn sich der Antiimperialismus ausschließlich auf die Feindbilder USA oder den Zionismus konzentriert ohne der Komplexität kapitalistischer Vergesellschaftung tatsächlich gerecht zu werden.

[Download: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus]

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

Olaf Kistenmacher: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus

Antiimperialismus

Der Imperialismus wurde erst im frühen 20. Jahrhundert mit den Schriften Wladimir I. Lenins und Rosa Luxemburgs zum zentralen Thema marxistischer Theorie, auch wenn die Analysen bereits in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie angelegt waren. Dabei unterscheiden sich Lenin und Luxemburg wesentlich: Luxemburg analysierte von ihrem antinationalen Standpunkt aus in Die Akkumulation des Kapitals 1913 den Imperialismus als strukturelles Phänomen der weltweiten Kapitalisierung. Lenin hingegen schuf in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus 1916 die Grundlage, um fortan den Nationen ein „Finanzkapital“ gegenüberzustellen, das die Welt beherrsche. So standen sich global scheinbar zwei Klassen gegenüber: die „unterdrückten Nationen“ auf der einen Seite und dem „Parasitismus, der dem Imperialismus eigen ist“, auf der anderen. Seit Mitte der 1920er Jahre war es üblich, den berühmten Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest um ein weiteres revolutionäres Subjekt zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“

Der Vortrag beleuchtet diese Traditionslinien des linken Antiimperialismus und zeigt, inwiefern der positive Bezug auf die Nationen bis in die Gegenwart ein Problem darstellt. Am Beispiel des Begriffs „Finanzkapital“ wird die Anfälligkeit zu verschwörungstheoretischen Denkweisen deutlich, die ein wesentlicher Grund sind, warum Antiamerikanismus und Antisemitismus innerhalb der Linken nicht verschwinden werden.

Olaf Kistenmacher, Historiker aus Hamburg, Mitglied des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e. V., veröffentlicht in Jungle World, Konkret und Phase 2.

Neuere Veröffentlichungen
• Klassenkämpfer wider Willen. Die KPD und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, Jungle World 28, 14. Juli 2011.
• „Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich: Georg Olms 2010, S. 97-112.

06. Dezember 2011, 18 Uhr
Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28, U-Bahn-Station Rosa-Luxemburg-Platz

Die Veranstaltung wird vom LAK Shalom Berlin organisiert und findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Bitte ladet Freunde über Facebook ein!

Die Auseinandersetzung um Antisemitismus in der Linkspartei steht noch aus!

Bericht und Mitschnitt der Podiumsdiskussion über Antisemitismus in der Linkspartei

DIE LINKE hat ein Problem mit Antisemitinnen und Antisemiten, diese sind innerhalb der Partei jedoch nicht hegemonial. So lautet das Fazit der Podiumsdiskussion mit Klaus Lederer (Vorsitzender DIE LINKE Berlin, MdA), Katharina König (MdL, Sprecherin für Antifaschismus der Linksfraktion in Thüringen) und Mario Keßler (Historiker am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) vom 25.11.2011 im Rosa-Luxemburg-Saal des Karl-Liebknecht-Hauses in Berlin, moderiert von Lena Kreck und Stefan Gerbing (beide Redaktion prager frühling). Rund 80 Zuhörende kamen zur Veranstaltung.

Eingeladen zur Diskussion hatte der LAK Shalom Berlin, um die Situation innerhalb der Linkspartei hinsichtlich der latent vorhandenen Israelfeindschaft nach der im Frühjahr erschienenen Studie von Samuel Salzborn und Sebastian Voigt und dem Programmparteitag im Herbst zu debattieren. Die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich darin einig, dass antisemitisch motivierte Israelfeindschaft dem eigenen Anspruch der Partei zuwider laufe. Stattdessen müsse DIE LINKE ihre Fähigkeiten zum Differenzieren stärken, um die antizionistischen Traditionslinien aus der ehemaligen DDR-Doktrin einerseits und dem westdeutschen APO-Antiimperialismus andererseits aufzuarbeiten. Gestritten wurde darüber, wie die Sensibilität für diese Aufarbeitung gestärkt und wie effektiv Antisemitismus als solcher kenntlich gemacht werden könne.

Das vergangene halbe Jahr, so die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer, habe verdeutlicht, dass in zunehmendem Maß Bereitschaft hierfür bestehe. Nichtsdestotrotz betonte Klaus Lederer, dass allein mit Parteibeschlüssen dem Problem des Antisemitismus nicht begegnet werden könne. Die Debatte müsse offensiv weitergeführt werden, um die gesamte Partei auf das Problem aufmerksam zu machen. Katharina König unterstich, dass als Ultima Ratio auch Parteiausschlüsse notwendig seien, um sich eindeutig von regressiven Kräften zu trennen. Mario Keßler unterstich die besondere Bedeutung Israels. So sei der Antizionismus höchst ahistorisch, weil er den Vernichtungsantisemitismus ignoriere, um an der Ablehnung des jüdischen Staates festzuhalten. Dies dürfe eine moderne und geschichtsbewusste Partei nicht zulassen.


[Download: DIE LINKE ein halbes Jahr nach der Antisemitismusdebatte – Ist das Glas halb leer oder halb voll?]
[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

Podiumsdiskussion: DIE LINKE ein halbes Jahr nach der Antisemitismusdebatte – Ist das Glas halb leer oder halb voll?

„Antisemiten als Koalitionspartner? Die Linkspartei zwischen antizionistischem Antisemitismus und dem Streben nach Regierungsfähigkeit“ – das ist die Überschrift des wissenschaftlichen Artikels von Samuel Salzborn und Sebastian Voigt, der schon vor der Veröffentlichung der Endversion zu einer mehrwöchigen Debatte in der Partei führte und in zwei Beschlüsse der Bundestagsfraktion mündete. In diesen wurden einerseits konkrete Schritte festgeschrieben, wie die Nichtteilnahme an der Gaza-Flotte, das klare Bekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung und die Absage an antiisraelischen Boykottaktionen. Andererseits wurde festgehalten, dass Kritik an Israel nicht per se antisemitisch ist, wodurch der Eindruck erweckt wurde, dass der Antisemitismusvorwurf lediglich wegen einer israelkritischen Haltung erhoben wurde.

Relativ schnell ging die Partei nach diesen Beschlüssen zur Tagesordnung über – Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin standen an. Unbeantwortet bleibt daher die Frage, welche konkreten Folgen die Beschlüsse für das Verständnis von Antisemitismus in der Partei – besonders hinsichtlich des Nahost-Konfliktes – haben wird. Wo steht die Partei ein halbes Jahr nach den Beschlüssen? Kann man mit innerparteilichen Veränderungen rechnen? Oder zerbricht die Partei sogar am Nahost-Konflikt? Gibt es eine Abkehr vom Antizionismus oder wird man sich weiterhin auf israelfeindliche Aktionen einstellen müssen? Diese Fragen diskutieren:

Dr. Klaus Lederer – Landesvorsitzender DIE LINKE Berlin, Mitglied im Abgeordnetenhaus
Prof. Dr. Mario Keßler – Historiker aus Berlin und Potsdam
Katharina König – Sprecherin für Jugendpolitik, Netzpolitik & Antifaschismus DIE LINKE im Thüringer Landtag
Moderation: Lena Kreck und Stefan Gerbing – beide Redaktion prager frühling

25. November 2011, 18 Uhr
Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, Konferenzsaal I, Kleine Alexanderstraße 28, U-Bahn-Station Rosa-Luxemburg-Platz

Die Veranstaltung wird vom LAK Shalom Berlin organisiert und findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus statt.

Bitte verbreitet den Termin via Facebook!

Workshop: Entstehung und Funktion des modernen Antisemitismus

Shulamit Volkovs Theorie vom „Antisemitismus als kulturellem Code“ ist eine unter mehreren Ansätzen, um die Besonderheit des modernen Antisemitismus und seine Funktion zu erklären. So stellt sie in ihrer Analyse der wilhelminischen Gesellschaft fest, dass die zuvor existente – aber noch ambivalente – Judenfeindschaft sich im Verlaufe der Gründerjahre des Deutschen Reichs substantiell zu einem geschlossenen Weltbild entwickelte, in dem die Juden zum Symbol der Moderne wurden. Der Antisemitismus im Deutschen Reich war daher nicht nur Judenhass, sondern auch immer eine ideologische Ablehnung moderner Gesellschaftsentwürfe, wie Liberalismus, Sozialismus oder die Emanzipation der Frau. Im Workshop wollen wir die Entstehung des modernen Antisemitismus nachskizzieren und seine gesellschaftliche Funktion mithilfe von Volkovs Ansatz erörtern.

Der Workshop findet voraussichtlich am Sonntag, den 13. November, um 10 Uhr statt. Die Uhrzeit kann sich jedoch ändern, da der Workshop im Rahmen der XI. Landesmitgliederversammlung der Linksjugend [’solid] Brandenburg stattfindet und demzufolge die Tagesordnung geändert werden könnte. Ort: Friedensdorf Storkow, Friedensdorf 11, 15859 Storkow.

Mythos »Nakba«: Die Entstehung Israels – Legenden und Wirklichkeit

04. November 2011, 19 Uhr
Berlin, Amadeu Antonio-Stiftung, Linienstr. 139
Vortrag und Diskussion mit Alex Feuerherdt

Nur wenige Stunden nach der Gründung Israels am 14. Mai 1948 – die dem ein knappes halbes Jahr zuvor verabschiedeten Teilungsbeschluss der Vereinten Nationen folgte – erklärten Ägypten, Transjordanien, Syrien, der Libanon, Saudi-Arabien und der Irak dem jüdischen Staat den Krieg und griffen ihn an. Das erklärte Ziel der arabischen Allianz war es dabei, Israel mit militärischen Mitteln zu beseitigen, doch den israelischen Streitkräften gelang es, das Land zu verteidigen und die gegnerischen Armeen zu schlagen. Im Zuge dessen, aber auch schon während des vorangegangenen Bürgerkrieges zwischen jüdischen und arabischen Milizen, verließen mehrere hunderttausend palästinensische Araber das Land – teilweise infolge von Kriegshandlungen, vielfach jedoch auch auf Geheiß der arabischen Staaten, die freie Bahn für ihren Angriff haben wollten und eine triumphale Eroberung und Zerstörung Israels ankündigten.

Mythos Nakba

Gleichwohl vertritt die palästinensische Seite bis heute unverrückbar die Position, dass die Gründung des jüdischen Staates eine »Nakba«, also eine Katastrophe gewesen sei – vergleichbar mit dem Holocaust – und dass erst jüdisch-zionistische Milizen und danach die israelische Armee die palästinensischen Araber gezielt und systematisch von ihrer heimischen Scholle vertrieben hätten. Dieser zählebige Mythos wird auch von den europäischen Sympathisanten der Palästinenser vertreten, die dabei wesentliche historische Entwicklungen und Ereignisse ausblenden oder verdrehen und die Araber respektive Palästinenser für gewöhnlich als so unschuldige wie harmlose Opfer einer generalstabsmäßig geplanten zionistischen Aggression betrachten.

Diese Sicht- und Herangehensweise folgt einer in den Gesellschaftswissenschaften höchst populären postmodernen Strömung, die keine historischen Tatsachen mehr kennen will, sondern nur noch »Narrative«, also angeblich gleichwertige subjektive Erzählungen von »Betroffenen«. Ist dieser Ansatz ganz grundsätzlich mehr als fragwürdig – weil es ihm nicht um die Wahrheit zu tun ist, sondern bloß um Befindlichkeiten und »Identitäten« –, so führt er in Bezug auf den »Nahostkonflikt« absichtsvoll zu einer Dämonisierung und Delegitimierung Israels: Aus einer scheinbar äquidistanten Position heraus werden dem Zionismus und dem jüdischen Staat letztlich die Existenzberechtigung abgesprochen, werden die Palästinenser zu den »Opfern der Opfer« und die Israelis zu Okkupanten, Räubern und Mördern. Der antisemitische Subtext ist dieser Methode immer schon eingeschrieben.

Der Vortrag von Alex Feuerherdt wird sich dem Mythos »Nakba« sowie weiteren Legenden im Zusammenhang mit der Gründung des Staates Israel widmen und prüfen, weshalb sie bis heute gepflegt werden, warum sie so überaus populär sind, wie sich demgegenüber die Wirklichkeit darstellt und warum eigentlich niemand ein Rückkehrrecht für die Hunderttausenden Juden fordert, die 1948/49 aus den arabischen Staaten, in denen sie lebten, fliehen mussten.

Alex Feuerherdt (42) ist Lektor und freier Publizist. Er lebt in Köln und schreibt schwerpunktmäßig über den Nahen Osten, u.a. für Konkret, die Jungle World, die Jüdische Allgemeine und den Tagesspiegel.

Die Veranstaltung wird organisiert vom stipendiatischen Arbeitskreis Antisemitismus beim Studienwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung und unterstützt vom LAK Shalom Berlin. Sie findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus statt.

Bericht und Audiomitschnitt des Vortrags „Ob du wirklich richtig stehst… – die Linken, die Islamkritik und die Suche nach einer Position“

Am 28.09.2011 referierte Magnus Henning von der HUmmel Antifa in der Berliner Tristeza über eine mögliche linke Positionierung zum Islam. Organisiert wurde die Veranstaltung vom LAK Shalom Brandenburg mit Unterstützung von DIKA e.V.

Die Veranstaltung knüpfte an Floris Biskamps Vortrag Feindbild Islam? vom Anfang dieses Jahres an. Dieser machte ein in der Gesellschaft stärker werdendes Ressentiment gegenüber MuslimInnen aus, betonte aber zugleich, dass Kritik und Ressentiment nicht immer klar voneinander zu unterscheiden sind.

Hier setzte Magnus Henning an und erklärte, dass es durchaus klare Merkmale gibt, um einen Unterschied zu erkennen: So zielt das Ressentiment darauf ab, Menschen über Kategorien wie Ethnie oder Religion bestimmte unveränderliche Eigenschaften oder Meinungen zuzuschreiben. Die Kritik hingegen ermöglicht es den Kritisierten, sich zu ihr zu verhalten. „Entweder zielen die Argumente auf den unterdrückerischen Charakter der islamischen Ideologie oder alles, was da über den Islam zusammengetragen wird, verdichtet sich zu einer ethnopluralistischen Argumentation gegen die Migration“, so Henning.

RechtspopulistInnen als IslamkritikerInnen zu bezeichnen, ist demzufolge falsch. Ihnen geht es nicht darum, sich dem politischen Islam entgegen zu stellen. Stattdessen zielen sie lediglich darauf ab, die eigene Volksgemeinschaft vor der Überfremdung zu bewahren: „Wenn der Islam von diesen Leuten herangezogen wird, geht es darum, vor der Islamisierung zu warnen, also vor der Übernahme Europas durch fremde Mächte, nicht um die Ablehnung einer regressiven gesellschaftlichen Praxis“, erörterte Henning.

Doch nicht nur RechtspopulistInnen wurden der Kritik unterzogen. Auch innerhalb der Linken gibt es ein positives Ressentiment gegen den Islam. Hierbei werden die AnhängerInnen des Islams pauschal unter besonderen Schutz genommen, da sie sich angeblich einem westlich-hegemonialen Diskurs ausgesetzt sähen. So sei die Kritik an verbreiteten rückschrittlichen Praktiken im muslimischen Glauben immer mit Rassismus verbunden, da lediglich die Aufklärung gegen die Werte des Islams in Stellung gebracht würden. „Bei denen, die die Werte der Aufklärung als eurozentrisch denunzieren, kann es nur um Dekonstruktion gehen, die keine Richtung kennt. Sie ist demnach nicht mehr als bloße Denkübung. Man mag vielleicht die Werte der Aufklärung als gedankliches Konstrukt entlarven, das hegemonial geworden ist, aber damit ist noch nichts gewonnen. Es muss im Sinne der Kritischen Theorie darum gehen, die schlechte Vermittlung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft zu kritisieren und durch eine bessere ersetzen zu wollen. Unter postmodernen DekonstrukteurInnen ist es jedoch eher en vogue die Differance durch wahllose Zertrümmerung durchzusetzen, ohne sich die Frage nach Sinn und Unsinn zu stellen“, sagte Henning in diesem Zusammenhang und erwähnte positiv die Revolutionäre in Tunesien, die sich Laizismus und Demokratie auf die Fahnen geschrieben haben. So meinte Henning, dass das Problematische an der Aufklärung und der Moderne nicht ist, dass sie zuerst in Europa entstanden, sondern dass ihre Werte lange Zeit anderen Menschen vorenthalten wurden.

In der anschließenden Diskussion wurde vor allem über die Wirkmächtigkeit islamischer Ideologie gestritten. Während Magnus Henning die Position vertrat, dass die Chance für eine Öffnung des Islams durch liberale oder säkulare Kräfte eher gering ist, argumentierten viele ZuhörerInnen, dass nicht die Verbreitung regressiver Glaubenspraktiken ursächlich für Islamismus ist, sondern generell die soziale und politische Stagnationen in den muslimisch geprägten Ländern.

[Download: Ob du wirklich richtig stehst… – die Linken, die Islamkritik und die Suche nach einer Position]

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

Ob du wirklich richtig stehst… – die Linken, die Islamkritik und die Suche nach einer Position

Einer großen Verunsicherung innerhalb der radikalen Linken ist es geschuldet, dass ein Großteil der Positionierungen, die sich mit dem Islam und der Kritik an selben auseinandersetzen, sehr gewunden formuliert sind. Ein scheinbarer Widerspruch wurde ausgemacht, der antifaschistische Praxis vor eine besondere Herausforderung stellt: So soll zwar das menschenverachtende Pro-gramm des Islamismus kritisiert werden, zugleich wird aber das Risiko erkannt, damit rechtspo-pulistischen Kräften, die gegen die „Islamisierung Europas“ wettern, in die Hände zu spielen.

Ob du wirklich richtig stehst...

Je tiefer man in die Materie einsteigt, desto diffiziler erscheint sie. Kann von „dem Islam“ überhaupt gesprochen werden und sind die rechten IslamkritikerInnen nicht doch ordinäre RassistInnen? Gibt es ein spezifisches Ressentiment gegen den Islam und wenn ja, nennt man es besser „Islamophobie“ oder „antimuslimischen Rassismus“? Die Fragen beschäftigen die Linke nicht nur, sie scheinen sie gar zu verunsichern und zu überfordern. Der Vortrag entwickelt durch eine ideologiekritische Betrachtung des Themenkomplexes eine materialistisch fundierte antifaschistische Position, die sodann mit den TeilnehmerInnen diskutiert werden soll.

Vortrag mit Magnus Henning – er hat Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin stu-diert und ist in der Antifaschistischen Hochschulgruppe der HU (HUmmel Antifa) aktiv. Zum Thema hat er in der Phase 2 geschrieben.

28.09.2011 | 19 Uhr | Tristeza | Pannierstraße 5 | Berlin
LAK Shalom Brandenburg mit freundlicher Unterstützung von DIKA e.V.

Gedenkstättenfahrt: Auschwitz – Oswiecim – Krakau

Das Vernichtungslager Auschwitz hat den Verbrechen der Nazis seinen Namen gegeben. Wie kein zweiter Ort steht dieser für die Verfolgung und Vernichtung insbesondere von Jüdinnen und Juden, aber auch von Sinti und Roma, Homosexuellen und Andersdenkenden, allein in Birkenau wurden ungefähr 1,1 Millionen Menschen ermordet. Der Geschichte dieses Ortes wollen wir uns in einem einwöchigen Seminar in Oswiecim und Krakow vorsichtig nähern.
Wir wollen die Wege, Handlungen und Entscheidungen von TäterInnen, Opfern und ZuschauerInnen nachzeichnen und diskutieren. Wir wollen uns aber auch die Frage stellen, wie heute in deutschen Familien über die Verbrechen der Großeltern gesprochen wird, wie ein Ort wie Oswiecim mit seiner Vergangenheit umgeht. Und wir wollen uns Fragen, wie jüdisches Leben in Polen heute aussieht, bzw. wie es bis zum Überfall der Deutschen in Krakow aussah.

Das Treffen mit einem/einer Überlebenden ist geplant. Der Fahrt geht ein eintägiges Vorbereitungstreffen in Berlin voraus. Im Teilnahme-Beitrag enthalten sind sämtliche anfallenden Kosten, also Unterkunft, Fahrtkosten, Verpflegung, Eintritte.

* Ort: Berlin/ Oswiecim/ Krakow
* Teilnahme-Beitrag: 60€ (normal), 90€ (soli) – Ermäßigungen sind unkompliziert und auf Nachfrage möglich

Infos:
http://www.linksjugend-solid-brandenburg.de/Gedenkstaettenfahrten

Gegen Antisemitismus und Islamismus – Kein Al Quds-Tag!

Der Landesarbeitskreis Shalom Brandenburg ruft zur Teilnahme an den Gegenprotesten zum Aufmarsch der IslamistInnen anlässlich des sogennanten Al Quds-Tages am 27. August 2011 in Berlin auf.

Kein Al Quds-Tag in Berlin!

Im Vorfeld der diesjährigen Proteste finden bundesweit mehrere Mobi-Veranstaltung statt. Diese informieren über die Entstehung und die Bedeutung des Al Quds-Tages sowie über die diesjährige Demonstration der IslamistInnen in Berlin. Darüber hinaus werden im August diverse Veranstaltungen stattfinden, die über für den Al Quds-Tag relevante Themen einführen. Eine Übersicht aller Termine findet ihr hier.