Bericht und Mitschnitt des Vortrags von Olaf Kistenmacher zur Kritik des Antiimperialismus « Landesarbeitskreis Shalom in und bei der Linksjugend [’solid] Brandenburg

Bericht und Mitschnitt des Vortrags von Olaf Kistenmacher zur Kritik des Antiimperialismus

Am 06. Dezember fand im Berliner Karl-Liebknecht-Haus eine Einführung in die Kritik des Antiimperialismus durch den Historiker Olaf Kistenmacher statt. Anfangs stellte er die Ausarbeitung Rosa Luxemburgs vor, die Imperialismus als Folgeerscheinung des Kapitalismus betrachtete, da dieser für seine Fortexistenz nicht nur ständig nach weiteren Absatzmärkten strebe, sondern auch die kapitalistische Vergesellschaftung in alle Teile der Welt trage. Für Luxemburg hatte die soziale Befreiung aus dem Kapitalverhältnis grundsätzlich unabhängig von einer Nation zu geschehen. Problematischerweise änderte sich diese Auffassung jedoch im Verlaufe der Geschichte linker Bewegungen und Parteien bald.

Hierbei ist festzuhalten: Obwohl Imperialismus dem Kapitalismus immanent ist, ist der Rückschluss falsch, Antiimperialismus sei zugleich auch Antikapitalismus. An dieser Stelle wird nämlich verkannt, dass sich zwei imperialistische Mächte bekämpfen können ohne dabei antikapitalistisch zu sein oder dass imperialistischer Expansionsdrang nicht nur kapitalistisch, sondern auch ideologisch motiviert sein kann, wie das Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands deutlich macht.

Seit den 1920er Jahren wurde kapitalistische Vergesellschaftung und Imperialismus innerhalb der Linken zunehmend moralisierend gewertet. So wurde der Finanzkapitalismus nicht als ein Teil kapitalistischer Verwertung verstanden, sondern als zentrale Ursache sozialer Verelendung. Dies verkennt jedoch, dass auch ohne ausgeprägten Finanzkapitalismus erstes Primat jeder unternehmerischen Tätigkeit die Profitmaximierung ist. Es gibt demzufolge kein „gutes Unternehmertum“, sondern immer nur profitmaximierendes Wirtschaften.

Diese Moralisierung war nicht nur eine Abkehr von der ursprünglichen Kritik am Kapitalismus, wie sie noch Marx und Luxemburg formulierten. Darüber hinaus entwickelte die Linke in zunehmendem Maße die Vorstellung, für kapitalistische Ausbeutung könne eine gewisse Menschengruppe mit einer bestimmten geographischen Herkunft verantwortlich gemacht werden, anstatt die abstrakt-unpersönliche und globalisierte Wirkungsweise des Kapitalismus unabhängig von einer bestimmten Nation zu verstehen. So waren für die Weimarer KPD Großbritannien und die USA Zentren des „parasitären Kapitalismus“, von dem sich dieser „imperialistisch“ ausbreitete.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt ersetzte die Linke die soziale durch die nationale Befreiung, obwohl Luxemburg zuvor deutlich gemacht hatte, dass die Befreiung von Fremdherrschaft durch eine andere Nation rein gar nichts mit der Befreiung von kapitalistischer Vergesellschaftung zu tun habe. Stattdessen wurde der Nationalismus der unterdrückten Völker affirmiert und dabei die antagonistischen Klassenverhältnisse innerhalb der Staaten der sogenannten Dritten Welt und der Kolonien ignoriert. Außerdem verkennt die Bejahung eines Befreiungsnationalismus die Tatsache, dass nationale Befreiungsbewegungen gegen imperialistische Zentren stets maßgeblich von der herrschenden Klasse in den jeweiligen Kolonien geprägt, also auch hier nicht frei von kapitalistischen Motiven waren.

Abschließend verdeutlichte Kistenmacher am Beispiel der Position der KPD der Weimarer Republik zur Palästinafrage, dass darüber hinaus kapitalistische Klassengegensätze fälschlicherweise zunehmend ethnifiziert wurden. So verstand die KPD die Araber im britischen Mandatsgebiet Palästina als die Unterdrückten und die Juden als die Unterdrücker – ohne auf die innerhalb der beiden Gruppen existierenden Klassengegensätze Rücksicht zu nehmen. Darüber hinaus wurde die aus antiimperialistischen Motiven hergeleitete Ablehnung des Zionismus antisemitisch untermauert: So sah die KPD ihre Schwesterpartei in Palästina von Zionisten unterwandert, obwohl die jüdischen Mitglieder der palästinensischen KP keinesfalls die Gründung eines jüdischen Staates forderten. Eine solche Erkenntnis hätte jedoch dem ideologischen Weltbild entgegen gestanden, in dem die Araber Palästinas das revolutionäre Subjekt sein sollten.

Diese Punkte, so Kistenmacher, verdeutlichen die Schwäche des Antiimperialismus: Sein Problem ist nicht, dass er eine berechtigte Kritik am Imperialismus übt, sondern dass sein Konzept suggeriert, dass Imperialismus an einem Punkt habhaft gemacht werden und an einem Ort bekämpft werden könne. Dies wird vor allem dann sichtbar, wenn sich der Antiimperialismus ausschließlich auf die Feindbilder USA oder den Zionismus konzentriert ohne der Komplexität kapitalistischer Vergesellschaftung tatsächlich gerecht zu werden.

[Download: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus]

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