„Richtiges Motiv, falscher Ton“: Grass, die Mitte und der Staat « Landesarbeitskreis Shalom in und bei der Linksjugend [’solid] Brandenburg

„Richtiges Motiv, falscher Ton“: Grass, die Mitte und der Staat

Vortrag und Diskussion mit Daniel Poensgen am 05. Juni in Berlin

Das antisemitische Ressentiment von Günther Grass ist in seiner Form ein Anachronismus. Die Mitte kann es verurteilen und findet doch spätestens beim Einreiseverbot gegen den deutschen Schriftsteller zum eigenen israelbezogenen Antisemitismus zurück: Dieser speist sich weniger aus Schuldabwehr, sondern ist der Versuch, Aspekte des Staates abzuspalten und auf Israel zu projizieren.

Kaum hatte Günther Grass seinen Text „Was gesagt werden muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, hagelte es Kritik von allen Seiten: Von Schirrmacher bis Joffe, von Tagesspiegel bis Spiegel Online. „Ein Machwerk des Ressentiments“ sei das Gedicht, die Frage, ob Grass ein Antisemit ist, leicht zu beantworten: „Ja, das ist er“. Zu deutlich rückt Grass seine „Herkunft als Makel“ in den Fokus des Textes, zu drastisch betreibt er eine antisemitische Täter-Opfer-Umkehr, um „letztlich auch uns zu helfen“. Dieser sekundäre Antisemitismus findet zwar noch seine Anhänger auch jenseits der NPD, die politische Mitte der Bundesrepublik hat ihn jedoch längst hinter sich gelassen, ließe er sich doch nicht mit dem Stolz auf die eigene „Erinnerungskultur“ verbinden.

Für die gegenwärtige politische Mitte ist Israel hingegen weniger kollektiver Jude, als vielmehr jüdischer Staat. Und so kann sie ihrem eigenen Antisemitismus auch in der Debatte um Grass freien Lauf lassen, als Israel „SS-Günni“ ein Einreiseverbot erteilt. Aus der jüdischen Heimstatt wird die „Heimstatt unversöhnlicher Aggressivität“, „eines demokratischen Staates unwürdig“. Israel sei „hysterisch“ und „unsouverän“, es rücke „sich in die Nähe Irans“. Mit der Kritik am sekundären Antisemitismus von Grass geht somit der israelbezogene Antisemitismus der Mitte Hand in Hand – „richtiges Motiv, falscher Ton“.

Im Anschluss an Arbeiten von Postone, Paschukanis und Neumann muss gegenwärtig von einem staatsbezogenen Antisemitismus gesprochen werden: Aus dem Staats- und Rechtsfetisch der politischen Mitte ergibt sich die Wahrnehmung von Teilen der den Staat bestimmenden Antinomie aus Recht und Souveränität als konkrete Eigenschaften des jüdischen Staates Israel. Kritik am israelbezogenen Antisemitismus schließt somit materialistische Staatskritik mit ein.

Die Veranstaltung wird organisiert vom Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom der Linksjugend Solid.

Dienstag, 05. Juni 2012, 19.30 Uhr
Amadeu Antonio Stiftung, Linienstr. 139, 10115 Berlin