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„Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt“? Zur Kritik des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus – Vortrag und Diskussion mit Olaf Kistenmacher in Berlin

Das Jahr 2013 begann vielversprechend: Zum ersten Mal lösten sich emanzipatorische Linke von der traditionellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration, deren ideologischer Dreh- und Angelpunkt die Huldigung nationaler „Befreiungsbewegungen“ gegen den „westlichen Imperialismus“ ist. Mit der Nation gegen das Kapital – ausgestattet mit einem derartigen Politikverständnis ist es wenig überraschend, dass regelmäßig der Gedenkstein für die Opfer des Stalinismus geschändet wurde und es zu physischen Angriffen auf andere Demonstrationsteilnehmenden kam, die nicht in das Weltbild der noch immer überwiegend marxistisch-leninistischen Pilgernden passten.

Notwendiger- und richtigerweise musste die alternative Rosa & Karl-Demonstration das „gesamtlinke“ Porzellan der traditionellen LL-Demo zerschlagen, denn eine emanzipatorische Neuausrichtung der Linken ist ganz und gar zum Scheitern verurteilt, wenn sie die Nation als Bollwerk gegen die allgegenwärtige Ausbeutung nutzen will. Nun – drei Monate nach dem Spektakel – ist es an der Zeit, aus den Porzellanscherben in diffiziler Kleinstarbeit das emanzipatorische Potential von Luxemburgs Gesellschaftskritik herauszuarbeiten. Dies schließt ausdrücklich eine Kritik an traditionellen antiimperialistischen Positionen mit ein.

Hierzu wird der Vortrag von Olaf Kistenmacher die Anfänge des Antiimperialismus in den 1920er Jahren beleuchten. Zu dieser Zeit war es innerhalb der Kommunistischen Internationale üblich, den berühmten Aufruf von Friedrich Engels und Karl Marx folgendermaßen zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“ Außer für die soziale Befreiung sollten Kommunistinnen und Kommunisten für die „nationale Befreiung“ kämpfen. Das war in der marxistischen Linken nicht immer so. Rosa Luxemburg, die 1913 in ihrem Hauptwerk Die Akkumulation des Kapitals den Imperialismus aus marxistischer Sicht analysierte, warnte 1918, dass das „famose ‚Selbstbestimmungsrecht der Nationen‘“, auf das sich auch die Bolschewiki in Russland beriefen, „nichts als hohle kleinbürgerliche Phraseologie und Humbug“ sei. Doch die Komintern knüpfte an Wladimir I. Lenins Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus an, in dem er den unterdrückten Menschen und Völkern ein mächtiges „Finanzkapital“ gegenüberstellte. 1927 bildete sich in Europa eine „Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit“. Schon im gleichen Jahr scheiterte in China der Versuch, die nationale Befreiungsbewegung und die KP China im Kampf gegen den britischen Imperialismus zu vereinen. Zwei Jahre später geriet die antiimperialistische Politik im Nahen Osten in ein Dilemma …

Olaf Kistenmacher, Historiker und Mitglied des Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus, veröffentlicht in Konkret und Jungle World.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen:
Schuldabwehr als Motiv für Israel-Feindschaft in der politischen Linken?, in: Associazione delle talpe/Rosa-Luxemburg-Initiative Bremen (Hg.): Maulwurfsarbeit II. Aufklärung und Debatte, Kritik und Subversion, Berlin 2012, S. 51-60.
„Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich 2010, S. 97-112.

Die Veranstaltung wird vom Landesarbeitskreis (LAK) Shalom Berlin organisiert und findet am 14. März um 19 Uhr in der Schankwirtschaft Laidak (Boddinstr. 42/43 • 12053 Neukölln, Berlin) statt.

Workshop in Cottbus: Vom Marxismus zur Re-education: Die Kritische Theorie der „Frankfurter Schule“

Wer heute sein Flugblatt, ihre Hausarbeit oder sein Facebook-Profil so richtig adeln möchte, der oder die ziert es mit einem Adorno-Zitat. Das kommt immer gut an. Auch in politischen Sonntagsreden, in den Feuilletons und zuweilen sogar in den Hörsälen der Bundesrepublik sind immer wieder die Namen von Adorno, Horkheimer, Benjamin oder Marcuse zu hören: Die „Kritische Theorie“ ist als intellektueller Stichwortgeber scheinbar in aller Munde.

Auch heute berufen sich noch Menschen, die für Emanzipation und die Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, auf die Frankfurter Schule. Große Teile der radikalen Linken jedoch ignorieren die Ansätze von Horkheimer & Co, werfen ihnen vielmehr die vermeintliche Abkehr von der Kritik der politischen Ökonomie vor und stoßen sich an der zentralen Rolle, die Auschwitz für die Analyse und Praxis der kritischen Theoretiker spielt.

Der Vortrag möchte einen ersten Einstieg in die Kritische Theorie der „Frankfurter Schule“ geben, indem die Grundlagen, wichtige Werke, Diskussionen und Schlussfolgerungen vorgestellt werden. Anhand von Zitaten sollen einige der wichtigsten Fragen für die Kritische Theorie andiskutiert werden.

Referent: Daniel Poensgen

Wann? Sonntag, 7. Oktober, 11:00 Uhr (Anmerkung: Der Workshop findet im Rahmen der 13. Landesmitgliederversammlung (LMV) der Linksjugend Solid Brandenburg statt und ist zeitlich an die Tagesordnung gebunden. Eventuell kann es daher zu Änderungen kommen. Aktuelle Informationen findet ihr hier.)

Organisatoren: Landesarbeitskreis (LAK) Shalom Brandenburg, Bildungswerk für Politik und Kultur

Seminarfahrt zur Gedenkstätte Oświęcim und nach Kraków 2012

Das Vernichtungslager Auschwitz hat den Verbrechen der Nazis einen Namen gegeben – allein in Birkenau wurden ca. 1,1 Millionen Menschen ermordet. Um dieses unsagbare Verbrechen an der Menschheit und der Menschlichkeit aus unterschiedlichen Richtungen näher zu beleuchten, laden wir dich ein, gemeinsam mit den Bildungspartisanen Berlin Brandenburg die Gedenkstätte Auschwitz zu besuchen. Neben Führungen im Stammlager und in Birkenau werden wir uns in Workshops und Diskussionsrunden mit Themen wie Antisemitismus früher und heute, Oswiecim – die Stadt am Lager, Verdrängung und Umgang mit dem Holocaust in Deutschland, die Verfolgung von Roma und Sinti und weiteren auseinandersetzen. Im zweiten Teil der Reise begeben wir uns in Krakow auf die Suche nach den Spuren jüdischen Lebens in Polen.

Wann?

19. bis 26.Oktober 2012, Vorbereitungsseminar am 13. oder 14.Oktober 2012

Wo?

Oswiecim und Kraków, Vorbereitung in Potsdam

Kosten?

normal: 60 Euro ; soli: 90 Euro (Ermäßigungen nach Absprache möglich) inklusive Fahrtkosten, Unterkunft, Verpflegung, Eintritte, etc.

Hier geht es zur Anmeldung.

Kein Al Quds-Tag! Gemeinsam gegen Antisemitismus!

Kein Al Quds Tag 2012 in Berlin!

„Richtiges Motiv, falscher Ton“: Grass, die Mitte und der Staat

Vortrag und Diskussion mit Daniel Poensgen am 05. Juni in Berlin

Das antisemitische Ressentiment von Günther Grass ist in seiner Form ein Anachronismus. Die Mitte kann es verurteilen und findet doch spätestens beim Einreiseverbot gegen den deutschen Schriftsteller zum eigenen israelbezogenen Antisemitismus zurück: Dieser speist sich weniger aus Schuldabwehr, sondern ist der Versuch, Aspekte des Staates abzuspalten und auf Israel zu projizieren.

Kaum hatte Günther Grass seinen Text „Was gesagt werden muss“ in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, hagelte es Kritik von allen Seiten: Von Schirrmacher bis Joffe, von Tagesspiegel bis Spiegel Online. „Ein Machwerk des Ressentiments“ sei das Gedicht, die Frage, ob Grass ein Antisemit ist, leicht zu beantworten: „Ja, das ist er“. Zu deutlich rückt Grass seine „Herkunft als Makel“ in den Fokus des Textes, zu drastisch betreibt er eine antisemitische Täter-Opfer-Umkehr, um „letztlich auch uns zu helfen“. Dieser sekundäre Antisemitismus findet zwar noch seine Anhänger auch jenseits der NPD, die politische Mitte der Bundesrepublik hat ihn jedoch längst hinter sich gelassen, ließe er sich doch nicht mit dem Stolz auf die eigene „Erinnerungskultur“ verbinden.

Für die gegenwärtige politische Mitte ist Israel hingegen weniger kollektiver Jude, als vielmehr jüdischer Staat. Und so kann sie ihrem eigenen Antisemitismus auch in der Debatte um Grass freien Lauf lassen, als Israel „SS-Günni“ ein Einreiseverbot erteilt. Aus der jüdischen Heimstatt wird die „Heimstatt unversöhnlicher Aggressivität“, „eines demokratischen Staates unwürdig“. Israel sei „hysterisch“ und „unsouverän“, es rücke „sich in die Nähe Irans“. Mit der Kritik am sekundären Antisemitismus von Grass geht somit der israelbezogene Antisemitismus der Mitte Hand in Hand – „richtiges Motiv, falscher Ton“.

Im Anschluss an Arbeiten von Postone, Paschukanis und Neumann muss gegenwärtig von einem staatsbezogenen Antisemitismus gesprochen werden: Aus dem Staats- und Rechtsfetisch der politischen Mitte ergibt sich die Wahrnehmung von Teilen der den Staat bestimmenden Antinomie aus Recht und Souveränität als konkrete Eigenschaften des jüdischen Staates Israel. Kritik am israelbezogenen Antisemitismus schließt somit materialistische Staatskritik mit ein.

Die Veranstaltung wird organisiert vom Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom der Linksjugend Solid.

Dienstag, 05. Juni 2012, 19.30 Uhr
Amadeu Antonio Stiftung, Linienstr. 139, 10115 Berlin

Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus – Bericht und Audiomitschnitt der Veranstaltung mit Sebastian Voigt

Am 13.04. fand in den Räumen der Berliner Amadeu Antonio Stiftung der Vortrag von Sebastian Voigt unter dem Titel „‚Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld?‘ – Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus“ statt. Eingeladen hatte der AK Antisemitismus beim Studienwerk der Rosa Luxemburg Stiftung und der Landesarbeitskreis (LAK) Shalom der Linksjugend Solid Berlin.

Sebastian Voigt erklärte anhand der Occupy-Bewegung und der Gewerkschaften, dass nicht jede Ablehnung des Kapitalismus fortschrittlich sein müsse. Anstatt die Ausbeutungsverhältnisse als wertförmig vermittelt zu begreifen, würden konkrete Verantwortliche für soziale Missstände gesucht. Mit dieser Personalisierung kapitalistischer Verhältnisse gehe oftmals eine moralisierende Kritik einher. Dies könne bis zur Gegenüberstellung von „ehrlicher deutscher Muskelkraft“ einerseits und „parasitären Kasinokapitalismus“ andererseits führen, obwohl Produktion und Zirkulation miteinander einhergingen, so Voigt.

Dies sei daher auch das Einfallstor für Formen des ressentimentgeladenen Antikapitalismus. So würden beispielsweise die negativen Aspekte kapitalistischer Vergesellschaftung pauschal den USA oder den Juden zugeschrieben. Auf Moshe Postone verweisend könne so der moderne Antisemitismus als biologisierter Antikapitalismus verstanden werden, wobei Oberflächenphänomene wie der Zins, der Börsenhandel etc. mit dem „internationalen Judentum“ identifiziert werden. Solche Denkweisen seien in der Occupy-Bewegung vertreten und würden oftmals nicht sanktioniert, wie Voigt veranschaulichte.

[Download: „Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld?“ – Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus] Möglicherweise dauert die Verbindungsherstellung zur Datei einen kleinen Augenblick.

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

„Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld?“ – Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus

Vortrag und Diskussion mit Sebastian Voigt

„Geld regiert die Welt, doch wer regiert das Geld?“ Derartige Parolen finden sich auf fast jeder Demonstration der Occupy-Bewegung. Ein Prozent der Bevölkerung scheint die Fäden in der Hand zu halten, die Ökonomie zu kontrollieren und auf wundersame Weise reich zu werden. Dem stehen die 99 Prozent gegenüber, die sich auf der moralisch richtigen Seite wähnen und sich empören.

regressiver Antikapitalismus

In dieser vereinfachenden Sicht kommt ein verdrehtes Verständnis der kapitalistischen Gesellschaft zum Ausdruck. Statt die kapitalistische Vergesellschaftung als ein soziales Verhältnis zu kritisieren, wird nach vermeintlichen Hintermännern gesucht, die für die Krise verantwortlich seien. Bei der Suche nach den konkret Schuldigen ist der Antisemitismus nicht weit.

Diese Zusammenhänge sollen in dem Vortrag beleuchtet werden. Außerdem soll diskutiert werden, wann eine Kritik am Kapitalismus Gefahr läuft, regressiv zu werden und antisemitische Ressentiments zu bedienen.

Der Referent Sebastian Voigt hat vielfältig wissenschaftlich und journalistisch unter anderem zu den Themen Antisemitismus und Antiamerikanismus publiziert.

Die Veranstaltung wird organisiert vom AK Antisemitismus beim Studienwerk der Rosa Luxemburg Stiftung und vom LAK Shalom Berlin der Linksjugend Solid.

Wann?
13. April (Freitag), 19 Uhr
Wo?
Amadeu Antonio Stiftung
Linienstraße 139
10115 Berlin

BAK Shalom: Beate for Bellevue!

Mit Beate Klarsfeld schickt DIE LINKE die richtige Kandidatin in das Rennen gegen Joachim Gauck um das Amt des Bundespräsidenten.

Beate Klarsfeld

Es ist äußerst beunruhigend, dass Schwarz-Gelb-Grün-Rot mit Gauck einen Kandidaten aufstellen, der mit seiner Trivialisierung des Nationalsozialismus mit dafür sorgt, dass Geschichtsrevisionismus und Schuldabwehr in der deutschen Gesellschaft weiter salonfähig gemacht werden. Die Gleichsetzung von NS-Ideologie und Sowjetkommunismus – wie in der von Gauck unterstützten „Prager Erklärung“ – ist Grundlage dafür, die Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands zu relativieren. So kann die Besonderheit des Vernichtungsantisemitismus, die Singularität von Auschwitz, jedoch nicht begriffen werden. Seine Unterstützung für das revanchistische Zentrum gegen Vertreibung in Berlin ist nicht hinnehmbar, weil damit die Gefahr besteht, den Vernichtungskrieg Deutschlands in Osteuropa als Ursache für die heutige Oder-Neiße-Grenze und die Umsiedlung der Deutschen zu vernachlässigen. Ein solches Geschichtsbild tragen wir nicht mit!

Beate Klarsfeld hingegen hat mit ihrem handfesten Engagement dafür gesorgt, dass das NS-Erbe Deutschlands nicht vergessen wird. Ihre historische Ohrfeige gegen Altkanzler Kurt Georg Kiesinger, der von 1933 bis 1945 Mitglied der NSDAP war, ist hierfür symbolisch. Als Nazijägerin sorgte sie dafür, dass untergetauchte NS-Persönlichkeiten nicht straflos davonkamen. Gerade in Zeiten des Rechtsterrorismus, des anwachsenden Rassismus und der immer wieder in Teilen der deutschen Bevölkerung aufkommenden Forderungen nach einem Schlussstrich unter den deutschen Verbrechen ist Klarsfeld eine hervorragende Alternative zu Gauck. Auch die bisherige Ablehnung von Rot-Grün und Schwarz-Gelb, Beate Klarsfeld auf Vorschlag der LINKEN das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, lässt den nötigen Respekt für ihre Lebensleistung vermissen.

Ihre konsequente Solidarität mit Israel hat für uns Vorbildcharakter. Sie ist Ausdruck des Bewusstseins für den grauenhaften Vernichtungsantisemitismus des nationalsozialistischen Deutschlands und wie zu verhindern ist, dass sich ähnliches ereigne. Israel ist die zum Staat gewordene Konsequenz aus Auschwitz.

Beate Klarsfeld hat unsere volle Unterstützung. Wir wünschen ihr viel Erfolg in der Bundesversammlung und rufen alle Wahlfrauen und -männer von Piraten, SPD und Grünen – insbesondere Mitglieder der Jusos und Grünen Jugend – dazu auf, sie zur Bundespräsidentin zu wählen.

Weiterführende Links:
Beate Klarsfeld for Bellevue | Facebook Fanseite
Beate Klarsfeld kandidiert | Neues Deutschland (28.02.12)
»Meine Kandidatur ist ein Signal«| Jüdische Allgemeine (28.02.12)
Klarsfeld: “Mein Thema ist Antifaschismus” | publikative.org (28.02.12)
Kulturzeit Gespräch: Beate Klarsfeld | Kulturzeit auf 3sat (27.02.12)
Deutsche, Nichtjüdin, Kämpferin | taz (27.02.12)
Gauck und der Holocaust | taz (22.02.12)
Zuroff: Gaucks Kandidatur “extrem beunruhigend” | publikative.org (21.06.10)

Bericht und Mitschnitt des Vortrags von Olaf Kistenmacher zur Kritik des Antiimperialismus

Am 06. Dezember fand im Berliner Karl-Liebknecht-Haus eine Einführung in die Kritik des Antiimperialismus durch den Historiker Olaf Kistenmacher statt. Anfangs stellte er die Ausarbeitung Rosa Luxemburgs vor, die Imperialismus als Folgeerscheinung des Kapitalismus betrachtete, da dieser für seine Fortexistenz nicht nur ständig nach weiteren Absatzmärkten strebe, sondern auch die kapitalistische Vergesellschaftung in alle Teile der Welt trage. Für Luxemburg hatte die soziale Befreiung aus dem Kapitalverhältnis grundsätzlich unabhängig von einer Nation zu geschehen. Problematischerweise änderte sich diese Auffassung jedoch im Verlaufe der Geschichte linker Bewegungen und Parteien bald.

Hierbei ist festzuhalten: Obwohl Imperialismus dem Kapitalismus immanent ist, ist der Rückschluss falsch, Antiimperialismus sei zugleich auch Antikapitalismus. An dieser Stelle wird nämlich verkannt, dass sich zwei imperialistische Mächte bekämpfen können ohne dabei antikapitalistisch zu sein oder dass imperialistischer Expansionsdrang nicht nur kapitalistisch, sondern auch ideologisch motiviert sein kann, wie das Beispiel des nationalsozialistischen Deutschlands deutlich macht.

Seit den 1920er Jahren wurde kapitalistische Vergesellschaftung und Imperialismus innerhalb der Linken zunehmend moralisierend gewertet. So wurde der Finanzkapitalismus nicht als ein Teil kapitalistischer Verwertung verstanden, sondern als zentrale Ursache sozialer Verelendung. Dies verkennt jedoch, dass auch ohne ausgeprägten Finanzkapitalismus erstes Primat jeder unternehmerischen Tätigkeit die Profitmaximierung ist. Es gibt demzufolge kein „gutes Unternehmertum“, sondern immer nur profitmaximierendes Wirtschaften.

Diese Moralisierung war nicht nur eine Abkehr von der ursprünglichen Kritik am Kapitalismus, wie sie noch Marx und Luxemburg formulierten. Darüber hinaus entwickelte die Linke in zunehmendem Maße die Vorstellung, für kapitalistische Ausbeutung könne eine gewisse Menschengruppe mit einer bestimmten geographischen Herkunft verantwortlich gemacht werden, anstatt die abstrakt-unpersönliche und globalisierte Wirkungsweise des Kapitalismus unabhängig von einer bestimmten Nation zu verstehen. So waren für die Weimarer KPD Großbritannien und die USA Zentren des „parasitären Kapitalismus“, von dem sich dieser „imperialistisch“ ausbreitete.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt ersetzte die Linke die soziale durch die nationale Befreiung, obwohl Luxemburg zuvor deutlich gemacht hatte, dass die Befreiung von Fremdherrschaft durch eine andere Nation rein gar nichts mit der Befreiung von kapitalistischer Vergesellschaftung zu tun habe. Stattdessen wurde der Nationalismus der unterdrückten Völker affirmiert und dabei die antagonistischen Klassenverhältnisse innerhalb der Staaten der sogenannten Dritten Welt und der Kolonien ignoriert. Außerdem verkennt die Bejahung eines Befreiungsnationalismus die Tatsache, dass nationale Befreiungsbewegungen gegen imperialistische Zentren stets maßgeblich von der herrschenden Klasse in den jeweiligen Kolonien geprägt, also auch hier nicht frei von kapitalistischen Motiven waren.

Abschließend verdeutlichte Kistenmacher am Beispiel der Position der KPD der Weimarer Republik zur Palästinafrage, dass darüber hinaus kapitalistische Klassengegensätze fälschlicherweise zunehmend ethnifiziert wurden. So verstand die KPD die Araber im britischen Mandatsgebiet Palästina als die Unterdrückten und die Juden als die Unterdrücker – ohne auf die innerhalb der beiden Gruppen existierenden Klassengegensätze Rücksicht zu nehmen. Darüber hinaus wurde die aus antiimperialistischen Motiven hergeleitete Ablehnung des Zionismus antisemitisch untermauert: So sah die KPD ihre Schwesterpartei in Palästina von Zionisten unterwandert, obwohl die jüdischen Mitglieder der palästinensischen KP keinesfalls die Gründung eines jüdischen Staates forderten. Eine solche Erkenntnis hätte jedoch dem ideologischen Weltbild entgegen gestanden, in dem die Araber Palästinas das revolutionäre Subjekt sein sollten.

Diese Punkte, so Kistenmacher, verdeutlichen die Schwäche des Antiimperialismus: Sein Problem ist nicht, dass er eine berechtigte Kritik am Imperialismus übt, sondern dass sein Konzept suggeriert, dass Imperialismus an einem Punkt habhaft gemacht werden und an einem Ort bekämpft werden könne. Dies wird vor allem dann sichtbar, wenn sich der Antiimperialismus ausschließlich auf die Feindbilder USA oder den Zionismus konzentriert ohne der Komplexität kapitalistischer Vergesellschaftung tatsächlich gerecht zu werden.

[Download: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus]

[Weitere Vorträge vom BAK Shalom]

Olaf Kistenmacher: Einführung in die Kritik des Antiimperialismus

Antiimperialismus

Der Imperialismus wurde erst im frühen 20. Jahrhundert mit den Schriften Wladimir I. Lenins und Rosa Luxemburgs zum zentralen Thema marxistischer Theorie, auch wenn die Analysen bereits in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie angelegt waren. Dabei unterscheiden sich Lenin und Luxemburg wesentlich: Luxemburg analysierte von ihrem antinationalen Standpunkt aus in Die Akkumulation des Kapitals 1913 den Imperialismus als strukturelles Phänomen der weltweiten Kapitalisierung. Lenin hingegen schuf in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus 1916 die Grundlage, um fortan den Nationen ein „Finanzkapital“ gegenüberzustellen, das die Welt beherrsche. So standen sich global scheinbar zwei Klassen gegenüber: die „unterdrückten Nationen“ auf der einen Seite und dem „Parasitismus, der dem Imperialismus eigen ist“, auf der anderen. Seit Mitte der 1920er Jahre war es üblich, den berühmten Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest um ein weiteres revolutionäres Subjekt zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“

Der Vortrag beleuchtet diese Traditionslinien des linken Antiimperialismus und zeigt, inwiefern der positive Bezug auf die Nationen bis in die Gegenwart ein Problem darstellt. Am Beispiel des Begriffs „Finanzkapital“ wird die Anfälligkeit zu verschwörungstheoretischen Denkweisen deutlich, die ein wesentlicher Grund sind, warum Antiamerikanismus und Antisemitismus innerhalb der Linken nicht verschwinden werden.

Olaf Kistenmacher, Historiker aus Hamburg, Mitglied des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e. V., veröffentlicht in Jungle World, Konkret und Phase 2.

Neuere Veröffentlichungen
• Klassenkämpfer wider Willen. Die KPD und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, Jungle World 28, 14. Juli 2011.
• „Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich: Georg Olms 2010, S. 97-112.

06. Dezember 2011, 18 Uhr
Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28, U-Bahn-Station Rosa-Luxemburg-Platz

Die Veranstaltung wird vom LAK Shalom Berlin organisiert und findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus statt. Bitte ladet Freunde über Facebook ein!